Unter chronischem Tinnitus sind Kopf-Ohrgeräusche zu verstehen, die länger als 12 Wochen anhalten. Chronisch werden die Geräusche deswegen genannt, weil die Heilungsmöglichkeiten der Akutphase zu diesem Zeitpunkte ausgeschöpft sind. Nun wird Tinnitus vergleichbar mit anderen chronischen Erkrankungen, die folgende Kennzeichen aufweisen:
1. Ursachen:
enger Zusammenhang mit Lebensstil, Verhalten, Umfeld, Umweltbelastungen; oft nicht eine einzelne, isolierte Ursache
2. Verlauf
langsamer bzw. schubweiser Verlauf
3. Eigenverantwortung
komplexe Ursachen, mehr Aktivität des Patienten bei Behandlung erforderlich
4. Keine Heilung
Ziel ist oft : mit der Krankheit leben lernen
5. Belastung
Hohe Belastung für Betroffene und Umfeld
(nach Schulz/Hellhammer in H. Reinecker, Lehrbuch der Klinischen Psychologie)
Bei chronischen Krankheiten - ob Bluthochdruck, Diabetes oder chronischem Rückenschmerz - beeinflussen Verhalten und Einstellungen der Erkrankten sehr stark den Verlauf der Erkrankung.
1. Kein Erfolg bei der akuten Behandlung aus verschiedenen Gründen
2. Etablierung/Chronifierung des Symptoms wird begünstigt durch starke Aufmerksamkeit auf das Symptom (bedingt durch ?Ängste, Sorgen, grübeln) in der Akutphase (--> Teufelskreis des Tinnitus, --> Zentralisierung des Tinnitus nach Zenner).
Unter Dekompensation des Tinnitus versteht man einen Prozeß , bei dem
Ausschlaggebend ist ein Zusammenwirken der folgenden Faktoren:
Beispiel für negative Faktoren in den genannten Bereichen: Herr M. hatte bereits seit einer Reihe von Jahren Magenprobleme und depressive Symptome. Nach Auftreten des Tinnitus verstärken sich letztere. Seine Familie zeigt sich mit dem Verstehen seiner Situation überfordert und reagiert überfürsorglich. Von Außenkontakten zieht sich Herr M. wegen des Tinnitus zurück. Am Arbeitsplatz lebt Herr M. seit Jahren in einem Zustand innerer Kündigung. Den Tinnitus erlebt er nicht als Herausforderung, damit fertig zu werden, sondern als entscheidenden Schlag, der seine Arbeitsfähigkeit endgültig untergräbt. Eine adäquate Behandlung in der Akutphase war unterblieben. Zur jetzigen Situation war die Äußerung des Arztes: "Lernen Sie damit zu leben!" Bei Herrn M. fördern also seine psychophysische Verletzlichkeit, die soziale/familiäre Situation und das medizinische Versorgungssystem die Entwicklung eines dekompensierten Tinnitus.
Auftreten des Symptoms ---> Schockphase, Alarmierung --> Entwicklung von automatisierten negativen Gedanken und Gefühlen zum Symptom --> verstärkte Aufmerksamkeit für das Symptom --->erhöht Anspannung und Leidensdruck
Bei chronisch dekompensiertem Tinnitus ist daher das Behandlungsziel in erster Linie die Bewältigung der negativen Tinnitus-Folgen: