ZUR KONTROVERSE ÜBER DIE EMPIRISCH VALIDIERTEN THERAPIEN

 

Neu: in Prevention und Treatment (APA) wird eine Lanze für empirisch basierte Entscheidungsfindung in der klinischen Praxis gebrochen.

Im Heft 2/1998 von "Psychotherapy Research" findet sich eine Reihe von Beiträgen zur EVT-Kontroverse, die aus der Arbeit der Kommission zur Förderung und Verbreitung psychologischer Maßnahmen der Sektion Klinische Psychologie in der American Psychological Association resultiert (Chambless et al., 1996). Diese Kommission hat eine Reihe von Kriterien zur Identifikation empirisch gestützter Behandlungsmaßnahmen (empirically validated therapies) festgelegt, dazu eine Liste psychosozialer Behandlungen für spezifische Probleme oder Störungen. Parallele Entwicklungen sind auch anderswo zu beobachten, bspw. in Deutschland und in Großbritannien.

 

Robert Elliott fasst in seinem Einleitungsartikel Hauptargumente der Befürworter und Gegner zusammen.

 

William P. Henry schreibt über den Gebrauch und Mißbrauch empirisch validierter Behandlungsforschung. In der Zusammenfassung heißt es

"Dieser Beitrag untersucht die möglichen negativen Langzeiteffekte der Bewegung für empirisch validierte Behandlungen. Es wird vermutet, dass die Bewegung Gefahr läuft, die Qualität der psychotherapeutischen Ausbildung zu reduzieren und das Repertoire klinischer Behandlungen einzuschränken. Ausserdem verleiht sie denen, die Psychotherapie finanzieren, mehr Macht, obwohl diese de facto nicht ausgebildete Supervisoren sind. Dazu kommt, dass das Forschungsmodell, das mit dem Paradigma empirisch validierter Behandlungen verknüpft ist, jene Befunde bagatellisiert, die zunächst wenig Wissensfortschritt erbringen, was bspw. empirische Forschung in bestimmten Bereichen, wie im Kontext von Achse II-Störungen, reduzieren könnte. Es wird dargelegt, dass die 'Bewegung' eine Menge empirischer Ergebnisse von jahrzehntelanger Psychotherapieforschung dezent übergeht und lediglich einer bestimmten, eigentlich veralteten Gruppe von experimentellen Designs das Wort redet, deren pragmatischer, heuristischer und epistemiologischer Nutzen eigentlich der Vergangenheit angehört. Die Gründe für die gegenwärtige Situation werden im Hinblick auf die Wissenschaftspolitik diskutiert und mit aktuellen Ergebnissen und Implikationen wissenschaftlicher Befunde in Einklang gebracht."

 

Alfred C. Bohart. Maureen O´Hara und Larry M. Leitner argumentieren unter dem witzigen Titel: "Empirically violated Treatments: Disenfranchisement of Humanistic and other Therapies" (p. 141-157), "dass die Kriterien für 'empirisch validierte Behandlungen' restriktiv und wissenschaftlich ungerechtfertigt sind. Sie entwerten Therapien, die nicht mit den Grundannahmen der Kommission der Division 12 über die Grundlagen von Psychotherapie in Einklang stehen und sie stellen die Psychotherapieforschung in Frage. Die Kriterien der Kommission basieren auf einem quasimedizinischen Metamodell der Psychotherapie, welches nur darauf abzielt, dem Markt des Gesundheitswesens gerecht zu werden, sie sind aber nicht geeignet für jene Therapien, deren primäre Absicht es nicht ist, eine Störung zu heilen'. Wir argumentieren, dass die empirische Stützung von Therapien auch jene Forschung berücksichtigen sollte, die sich Methoden bedient, die mit den Grundannahmen einer Therapie kompatibel sind, speziell bezogen darauf, was es bedeutet, zu sagen, dass 'eine Psychotherapie funktioniert'. Weder das Prinzip der Manualisierung noch die Notwendigkeit, Therapien auf die Behandlung spezifischer Störungen auszurichten, stehen im Einklang mit humanistischen Grundannahmen. Vor diesem Hintergrund sollte die Methodologie der Naturwissenschaften nicht der Methodologie der Geisteswissenschaften vorgezogen werden. Benutzt man Kriterien, die sich von jenen der Konunission absetzen, findet man durchaus beträchtliche empirische Unterstützung für humanistische Grundannahmen."

 

 

Bernhard M. Strauss und Horst Kaechele fassen "die gegenwärtige Diskussion über die Effektivität von Psychotherapien in Deutschland zusammen .... Zunächst wird die spezifische Tradition der Psychotherapie (und Psychotherapieforschung) in Deutschland beschrieben, um den unterschiedlichen Hintergrund der gegenwärtigen Situation deutlich zu machen. Verschiedene Entwicklungen in der öffentlichen politischen Diskussion über Psychotherapie werden sodann kurz zusammengefasst. Der Schwerpunkt des Kommentars ist ein Vergleich von Forschungsbefunden zur Effektivität von Psychotherapien mit der psychotherapeutischen Praxis in Deutschland. Dieser Vergleich zeigt, dass die Psychotherapieforschung künftig eine wichtige Rolle spielen sollte bei einer kritischen Evaluation von Forschungsbefunden." Strauss und Kaechele heben u.a. die Bedeutung der effectiveness-Studien und der Phase IV -Forschung hervor.

 

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