K–ln, den 06.05.2008

Pressemitteilung der deutschen Fachverb”nde f¸r Gespr”chspsychotherapie

- Ÿrztliche Gesellschaft f¸r Gespr”chspsychotherapie (ŸGG)
- Deutsche Psychologische Gesellschaft f¸r Gespr”chspsychotherapie (DPGG)
- Gesellschaft f¸r wissenschaftliche Gespr”chspsychotherapie (GwG)

zu dem gestern ver–ffentlichten Beschluss des G-BA vom 24.04.2008
 

Entscheidung und Begr¸ndung stehen im Widerspruch zu Wissenschaft und Praxis

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), seit 2004 Rechtsnachfolger des Bundesausschusses der Ÿrzte und Krankenkassen, hat am 24. April 2008 die Ablehnung der Gespr”chspsychotherapie wiederholt, die er nach jahrelanger Beratung bereits im November 2006 beschlossen hatte. Die Entscheidung kommt einem Berufsverbot f¸r approbierte Gespr”chspsychotherapeuten und f¸r die staatlich anerkannten Ausbildungsst”tten mit dem Schwerpunkt Gespr”chspsychotherapie gleich.

Nach der gestern ver–ffentlichten neuen Begr¸ndung (s. www.g-ba.de) konnte der G-BA auch jetzt nur in einer einzigen Studie einen "Hinweis auf den Nutzen" der Gespr”chspsychotherapie finden, und zwar "nur" f¸r die Behandlung von Depression. (Die Volkskrankheit Depression steht an zweiter Stelle nach den Herz/Kreislauferkrankungen; sie nimmt weltweit zu. Nach Sch”tzungen der Weltgesundheitsorganisation wird sie im Jahre 2020 die h”ufigste Krankheit sein.) In den Presseerkl”rungen vom 22.11.2006 und 25.04.2008 erkl”rt der G-BA dieses Ergebnis f¸r "¸berraschend". Das ist es tats”chlich.

Die Gespr”chspsychotherapie, ein Therapieansatz der humanistischen Psychologie, hat sich im Gesamtspektrum psychischer Krankheit seit ¸ber 40 Jahren in Deutschland bew”hrt. Die empirische Forschung zur Gespr”chspsychotherapie war grundlegend f¸r die gesamte Psychotherapieforschung. In der Bundesrepublik Deutschland forderte bereits 1973 die Psychiatrie-Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages die Einbeziehung in die psychotherapeutische Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten. Obwohl die Gespr”chspsychotherapie von der Selbstverwaltung der Ÿrzte und Krankenkassen nicht als regul”re Kassenleistung anerkannt war, war sie das in der Versorgung am meisten angewandte Psychotherapieverfahren. Im Rahmen des Kostenerstattungsverfahrens wurde sie weithin zur erfolgreichen Behandlung von GKV-Versicherten eingesetzt. Im Gesundheitswesen der DDR war die Gespr”chspsychotherapie das wichtigste Psychotherapieverfahren.

Nachdem die zust”ndigen Beh–rden der L”nder zum Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes am 01.01.1999 die Approbation von Gespr”chspsychotherapeuten und die staatliche Anerkennung von Ausbildungsst”tten f¸r die Vertiefungsrichtung Gespr”chspsychotherapie angek¸ndigt hatten, bestand die Erwartung, der erstmals auch mit Psychotherapeuten besetzte Bundesausschuss der Ÿrzte und Krankenkassen werde die Gespr”chspsychotherapie nun als Kassenleistung anerkennen. Damit wurde jedoch die "Eigendynamik" des Selbstverwaltungsgremiums falsch eingesch”tzt, dessen Leistungserbringerbank strukturell parteilich ausschlieþlich mit Vertretern der etablierten Verfahren besetzt ist, die in fachlicher und wirtschaftlicher Konkurrenz zur Gespr”chspsychotherapie stehen.

Nach vielen Verz–gerungen und mehrj”hriger Beratung beschloss der G-BA am 21.11.2006, die Gespr”chspsychotherapie weiterhin nicht als Kassenleistung zuzulassen. Dieser Beschluss wurde im Rahmen der Rechtsaufsicht von dem Bundesministerium f¸r Gesundheit mit der Maþgabe beanstandet, "der BPtK (Bundespsychotherapeutenkammer) als der zust”ndigen Heilberufekammer" umfassend Gelegenheit zu geben "sich mit dem Beschlussentwurf des G-BA fachlich dezidiert auseinandersetzen zu k–nnen [...] um die Chance zu haben, die vom G-BA daraus abgeleitete Argumentation fachlich zu entkr”ften. [...] Die nachfolgende Stellungnahme ist in eine erneute Beschlussfassung einzubeziehen."

Die Bundespsychotherapeutenkammer berief daraufhin eine Expertenkommission, der f¸nf international renommierte Psychotherapiewissenschaftler angeh–rten. Diese Kommission wiederholte das vom G-BA vorgenommene Bewertungsprocedere und identifizierte 27 wissenschaftliche Studien, die den therapeutischen Nutzen der Gespr”chspsychotherapie auf methodisch hohem Niveau belegen:
"Im Ergebnis zeigte sich, dass die Gespr”chspsychotherapie bei einer Reihe von Anwendungsbereichen der Psychotherapie wirksam und n¸tzlich ist. Aufgrund der klinischen Breite dieser Anwendungsbereiche ist die Schlussfolgerung gerechtfertigt, dass die Nutzenbewertung der Gespr”chspsychotherapie insgesamt positiv ausf”llt. Diese Bewertung aufgrund empirischer Evidenz steht ¸berdies im Einklang mit einer jahrzehntelangen Bew”hrung in Forschung und Versorgung."

Zu dem selben Ergebnis, ebenfalls auf der Grundlage einer Vielzahl methodisch ad”quater Studien, waren u. a. das vom Bundesgesundheitsministerium im Jahre 1990 in Auftrag gegebene "Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes" (1991) und der wissenschaftliche Beirat nach ß 11 PsychThG in seinen Gutachten vom September 1999 und September 2002 gekommen. 1998 hatten sich 80 Professorinnen und Professoren psychologischer Universit”tsinstitute f¸r die Aufnahme der Gespr”chspsychotherapie als Kassenleistung eingesetzt. S”mtliche Landespsychotherapeutenkammern und der Deutsche Psychotherapeutentag haben in wiederholten Entschlieþungen gefordert, die psychotherapeutische Versorgung der gesetzlichen Krankenversicherten um die Gespr”chspsychotherapie zu erg”nzen. Die Bundespsychotherapeutenkammer hat in den Stellungnahmen vom 30.10.2006, 05.11.2007 und 01.04.2008 gegen¸ber dem G BA die Notwendigkeit der Aufnahme der Gespr”chspsychotherapie in den GKV-Leistungskatalog begr¸ndet.

Der Erweiterung um Behandlungsalternativen kommt f¸r die Qualit”t der psychotherapeutischen Versorgung besondere Bedeutung zu: Wahlm–glichkeiten f¸r Psychotherapie-Patienten k–nnen entscheidend f¸r Erfolg oder Misserfolg psychotherapeutischer Behandlung sein.

Der G-BA hat jedoch aus tausenden Fundstellen zur Gespr”chspsychotherapie in der wissenschaftlichen Literatur bis April 2006 zun”chst 101 und im Dezember 2007 weitere 13 Studien herausgesucht und bewertet und eine einzige davon als "Hinweis auf den Nutzen" der Gespr”chspsychotherapie anerkannt.

Keine der im "Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes" ber¸cksichtigten 32 Wirksamkeitsstudien zur Gespr”chspsychotherapie, keine der vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie 1999 und 2002 ber¸cksichtigten 34 Studien zur Gespr”chspsychotherapie und keine der von der BPtK-Expertenkommission ¸ber die vom G-BA anerkannte eine Studie hinausgehenden weiteren 26 Studien, die Wirksamkeit und Nutzen der Gespr”chspsychotherapie belegen, wurde von dem G-BA als Nutzennachweis anerkannt.

Dem G-BA wurden ¸ber 80 Stellungnahmen von Wissenschaftlern, Kliniken und Praktikern gem”þ dem zu diesem Zweck vom G-BA im Jahre 2004 erstellten Fragebogen zur Gespr”chspsychotherapie eingereicht. Da der G-BA die ihm nach seiner eigenen Verfahrensordnung obliegende "Gesamtbewertung" aber ersetzte durch die Bewertung einzelner Studien, hat er die Stellungnahmen der Fach–ffentlichkeit in der Bewertung unbeachtet gelassen bzw. lediglich als Literaturlisten benutzt.

Um auf dieser Grundlage einen "rechtssicheren Beschluss" zur Gespr”chpsychotherapie herbeif¸hren zu k–nnen, ”nderte der G-BA am 20.12.2007 die Psychotherapie-Richtlinien. Die Ÿnderungen traten am 21.03.2008 in Kraft. Seither muss der G-BA f¸r die Aufnahme neuer Psychotherapieverfahren Wirksamkeitsstudien f¸r mindestens drei bis vier Symptomgruppen ("Anwendungsbereiche") anerkannt haben, so dass die Gespr”chspsychotherapie mit der schlichten Begr¸ndung, der Nutzen sei nicht f¸r die erforderliche Zahl von "Anwendungsbereichen" nachgewiesen, am 24.04.2008 abgelehnt wurde.

Die jetzt ver–ffentlichte Begr¸ndung zu dem Beschluss ist nach Auffassung der deutschen Fachverb”nde f¸r Gespr”chspsychotherapie in weiten Teilen ein Dokument offensichtlicher Voreingenommenheit und parteilicher Einseitigkeit. So hat sich der G-BA ¸ber die gesamte Fachwelt hinweggesetzt, indem er einen Begriff von "Gespr”chspsychotherapie" zugrunde legte, der bestenfalls den Entwicklungsstand von 1950 betrifft. Damit wurden Studien zu Weiterentwicklungen der Gespr”chspsychotherapie aus der Bewertung ausgeschlossen.

Der Wissenschaftliche Beirat der Gesellschaft f¸r wissenschaftliche Gespr”chspsychotherapie (GwG) hatte dazu schon im Dezember 2006 festgestellt, dass die Begriffsbeschr”nkung des G-BA "nur als Karikatur der international vertretenen und auch in Deutschland erforschten, gelehrten und praktizierten Gespr”chspsychotherapie angesehen werden" k–nne.

Nutzennachweise aus der Behandlung von Kindern und Jugendlichen wurden ausgeschlossen, obwohl die Kinder- und Jugendlichenbehandlung zur obligatorischen Ausbildung und zur Behandlungsbefugnis beider Psychotherapeutenberufe geh–rt. Zur Rechtfertigung beruft sich der G-BA u. a. auf ein - von allen anderen verwaltungsgerichtlichen Beurteilungen abweichendes - Urteil des Verwaltungsgerichts K–ln aus dem Jahre 2005, das vom Oberverwaltungsgerichts NRW am 15.01.2008 aufgehoben wurde.

In dem Beschluss vom 15.01.2008 hat das OVG NRW zutreffend hingewiesen auf die extreme Diskrepanz zwischen einerseits der wissenschaftlichen Beurteilung der Eignung der Gespr”chspsychotherapie durch den von der Bundes”rztekammer und der Bundespsychotherapeutenkammer parit”tisch berufenen Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie und andererseits der Bewertung durch die mit Interessenvertretern der Kassen”rztlichen Bundesvereinigung und der Krankenkassen besetzten G-BA-Gremien.

Die extrem unterschiedliche Bewertung von Studien zur Gespr”chspsychotherapie durch verschiedene, gleichermaþen als sachkompetent anzusehende wissenschaftliche Gremien wie den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie und die Expertenkommission der Bundespsychotherapeutenkammer einerseits und durch das Verwaltungsgremium G-BA andererseits sind - soweit interessensgeleitete Einfl¸sse auþer Betracht bleiben - Ausdruck daf¸r, dass bis heute allgemeinverbindliche, objektivierbare Kriterien und Standards zur Bewertung von Psychotherapie nicht entwickelt werden konnten. In der beruflichen Praxis kann dieser Mangel durch professionelle Erfahrung ausgeglichen werden. F¸r die untergesetzliche Normgebung durch den G-BA besteht aber die groþe Gefahr des Eindringens sachfremder Motive, die eher auf einen Konkurrenzschutz als auf die Optimierung der Versichertenversorgung gerichtet sind, wie sich bei der Gespr”chspsychotherapie-Bewertung durch den Bundesausschuss gezeigt hat.

Das einzige objektive Kriterium f¸r die Aufnahme eines psychotherapeutischen Behandlungsverfahrens in die Psychotherapie-Richtlinien, n”mlich der Nachweis von staatlich anerkannten Ausbildungsst”tten zur vertieften Ausbildung in diesem Verfahren, ist vom G-BA mit den am 21.03.2008 in Kraft getretenen Richtlinien”nderungen gestrichen worden.
Nach Auffassung der Fachverb”nde steht dem krankenversicherungsrechtlichen Selbstverwaltungsgremium G-BA nicht die Befugnis zu, nach eigenen, beliebig ”nderbaren Kriterien ¸ber die Zulassungsf”higkeit einer ganzen Berufsgruppe zu entscheiden, die nach gesetzlichen Vorgaben mit der Approbation die staatliche Anerkennung der Bef”higung zur eigenverantwortlichen psychotherapeutischen Krankenbehandlung erlangt hat.

Die Gespr”chspsychotherapeuten und die staatlich anerkannten Ausbildungsst”tten mit Gespr”chspsychotherapie-Schwerpunkt bleiben nach dem G-BA-Beschluss vom 24.04.2008 auf die gerichtliche Durchsetzung der Verbesserung des Versorgungsangebots verwiesen.

Mit dem Beschluss wird der Weg frei f¸r die Fortsetzung der Rechtsverfahren, die der Gemeinsame Bundesausschuss durch Ruhens- und Aussetzungsantr”ge und mehrfache Verschiebungen der jeweils angek¸ndigten Beschlussfassung zur Gespr”chspsychotherapie seit Jahren behindert hat.

Ansprechpartner f¸r die Medien:
Karl-Otto Hentze, Bundesgesch”ftsf¸hrer GwG, Telefon: 0221 925908-11
Prof. Dr. Jochen Eckert, Pr”sident DPGG, Telefon: 040 42838-5362
Prof. Dr. med. Ludwig Teusch, Vorstand ŸGG, Telefon: 02305-1022858