Technische Rationalität oder reflektierte Praxis

(aus: Wer bestimmt, was hilft? , E. Schneider, Junfermann-Verlag 1996)

Längere Zeit war ich unterwegs und versuchte, mich in die Welten anderer Therapieschulen und anderer Sichtweisen auf Psychotherapie hineinzufinden. Nach einer solchen Reise sehe ich das gewohnte Umfeld mit anderen Augen. Für welche Aspekte bis ich sensibler geworden? Welche Reiseeindrücke prägen meinen Blick für meine Alltagspraxis?

Es sind vor allem Aspekte

€ zur Frage der inhaltlichen Bestimmung der psychotherapeutischen Praxis - reflektiertes Handeln im Gegensatz zu dem Modell angewandter Wissenschaft

€ zur Wertigkeit verschiedener Psychotherapieschulen

€ zur Integration von Forschungsperspektiven in die psychotherapeutische Praxis.

Drei der Autoren, die mir begegnet sind, stehen hier für jene Richtung, die psychotherapeutisches Handeln nach dem positivistischen Modell technischer Rationalität als Anwendung von Wissenschaft versteht: Eysenck, Grawe und Dawes. Nach diesem Modell wäre beispielsweise ein Architekt oder ein Psychotherapeut in erster Linie ein Anwender von Grundlagenwissenschaften.In der Praxis auftretende Probleme müssen nach diesem Modell durch wissenschaftlich vorgefertigte Lösungen beantwortet werden; bisher nicht bekannte Probleme müssen an die psychologische Forschung zurückgegeben werden, die diese Fragen nach bestimmten wissenschaftlichen Kriterien erforscht. Die wissenschaftlich ermittelten Lösungen wären dann von den Praktikern umzusetzen: Eine Technologisierung des Berufsalltags , wie sie in bürokratischen Organisationen teils bereits stattfindet. Das hierarchische Verhältnis von Forschung und Praxis, das diesem Modell innewohnt, findet sich bei den genannten drei Autoren markant formuliert. Professionelle Praxis wird in diesem Modell als möglichst sorgfältige Anwendung wissenschaftlich erprobter Handlungsanweisungen begriffen, als Dienerin der Wissenschaft.

Donald A. Schön hat am Beispiel der Tätigkeit eines Architekten, eines Supervisors, von Managern und Städteplanern herausgearbeitet, daß Praxis mehr ist : Daß sie ein spezifisches, teilweise durch Bücher nicht vermittelbares Handlungswissen erfordert. Psychotherapeutische Praxis ist das gemeinsame Praktizieren - im Sinne von Einüben und Durchführen - von Probehandlungen in einer virtuellen Welt und deren anschließende Reflexion - mit dem Ziel einer Erweiterung von Handlung- und Erlebensoptionen der Patienten. Vergleichbar den Skizzen eines Architekten entfalten die in Geschichten, Rollenspielen oder anderen Medien entwickelten Situationen einen Erfahrungsraum, der Handeln, Fühlen und Denken der Klienten in neue Kontexte stellt. Sowohl die Gestaltung dieses Erfahrungsraums als auch seine Evaluation - hinsichtlich Angemessenheit zur Definition und Lösung einer Problemlage von Klienten - geschehen im Dialog. Diesen Dialog zu gestalten, erfordert ein implizites, im Tun selbst zu entwickelndes und verbal nur begrenzt vermittelbares Wissen (vgl. Abschnitt 2. 6 zu Berne), ein know how wie das Wissen eines Autofahrers darüber, "wie man Auto fährt".

Im Erkenntnismodell des Positivismus ist die Trennung von Wahrnehmen und Tun enthalten - Wahrnehmen wird als passives Rezipieren verstanden und nicht als aktive Konstruktion eines inneren Bildes aus den zur Verfügung stehenden oder aktiv aufgesuchten Umwelteinwirkungen mithilfe der zur Verfügung stehenden inneren Muster. Nach dem positivistischen Modell können nur Forscher im kontrollierten Experiment relevantes Wissen erwerben. Die Rolle der Praktiker beschränkt sich nach diesem Modell auf das passive Einscannen diagnostischer Merkmale bzw. der Anforderungssituation und die Bestimmung der dann vorgegebenen Interventionsformen. Diese Modelle sind nicht nur wahrnehmungspsychologisch, sondern auch wissenschaftstheoretisch überholt.

Praktisches Handeln findet in einem systemischen Kontext statt, der sich durch Komplexität, Instabilität und Ungewißheit auszeichnet. Das Forschungsexperiment soll Abstraktion von verschiedenartigen "Stör"-Einflüssen bewirken. Konkrete Praxis erfordert die Suche von Struktur in der Komplexität von Wechselwirkungen und nutzt dazu die Eigenschaften eines selbstkorrigierenden Systems.

Die Reduktion dieser Praxis auf die experimentell kontrollierte Vergleichsstudie und der Versuch, Therapieschulen mittels der Vergleichsstudien zu beurteilen, disqualifizieren und uniformieren , sind deswegen kontraproduktiv. Therapieschulen kennenzulernen, ihre Stärken zu nutzen, erfordert ein anderes Studium als das der Vergleichsstudien oder ihrer Zusammenfassung in "Psychotherapie im Wandel" . Psychotherapie ist stets eine ganz einmalige Begegnung zwischen Menschen, kein standardisiertes fast food. Die jeweilige Schulenorientierung des Behandlers definiert nur einen Teil des Geschehens und nur einen geringen Teil des Behandlungsergebnisses. Der Beitrag von Therapieschulen ist zudem neben der Vermittlung von Interventionsstrategien in ihrem Menschenbild, in den Einstellungen und nicht digital vermittelten Handlungsformen zu suchen. Ein Teil dieser Handlungsformen scheint sich schulenübergreifend bereits zu einem gemeinsamen Bild wirksamer Psychotherapie zu verdichten. Dies betrifft die Bedeutung der therapeutischen Beziehung, des therapeutischen Vertrags, der Einbeziehung konkreter Problemsituationen in den Veränderungsprozeß und die Betonung von Ressourcen und des Anschließens an die Erfahrungs- und Fähigkeitswelt von Klienten anstelle einer Überbewertung von Pathologie. Für den Konsumentenschutz sind die vereinfachten Wertungen der Psychotherapieformen in "Psychotherapie im Wandel" ungeeignet, weil sie schlicht falsch sind. Dem Bedürfnis nach Reduktion der Komplexität des unüberschaubaren "Psycho-Markts" wäre durch ein paar schlichte Hinweise an Interessenten besser gedient (s. Anhang, 11.1).

Grenzstreitigkeiten und Übergriffe sind ein Zeichen dafür, das eine wissenschaftliche Herangehensweise einen weiteren Geltungsbereich beansprucht, als bei nüchterner Betrachtung zusteht. Solche übergriffigen Ansprüche, wie sie auch von den Begründern des Behaviorismus (Watson, Skinner) in ihren Aussagen zur Erziehung und zu gesellschaftlichen Problemen praktiziert wurden, sind Ausgangspunkte für Schwierigkeiten, Verwirrungen und echte Feindseligkeiten. Was Wissen und was Ignoranz ist, wird je nach Heimterritorium ganz entgegengesetzt beurteilt. In Zeiten, in denen um die gesellschaftliche Anerkennung einer Profession gerungen wird, wird die Profession gerne als Anwendung einer Wissenschaft ausgegeben, um ihren Status zu festigen. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, daß sie etwas anderes und mehr ist als bloße Anwendung von Grundlagenwissen, und daß dieses reflexive und kreative Element zu ihrem Wesen gehört. Die zwischen Psychotherapie und universitärer Wissenschaft bestehenden Abstimmungsschwierigkeiten sind im übrigen kein Sonderfall: Ähnliches ist von der Medizin zu berichten, wo sich seit einer Reihe von Jahren Forscher in einer Kommission der Bundesärztekammer bemühen, verbindliche Richtlinien für eine qualitativ hochwertige Versorgung bei bestimmten Symptomkomplexen zu erreichen. Für eine ganze Reihe von Krankheitsbildern gebe es neues, gesichertes Wissen über die erfolgversprechende Therapie, das aber bei vielen Praktikern einfach nicht ankomme - zum Beispiel bei Behandlung von Magengeschwüren. Ärzte wiederum wehren sich gegen Standardisierungen und Vorschriften, weil sie das Eingehen auf den Einzelfall, den Schutz der Arzt-Patient-Beziehung und ihre traditionelle professionelle Identität bedroht sehen. Bei einem Kolloquium “Wissenschaft und Praxis“ an der Münchner Universität kamen ähnliche Probleme im Bereich der Technik zur Sprache: Aus der Sicht der Praktiker seien Professoren oft arrogant ignorant, mehr an Veröffentlichungen denn an Praktikabilität orientiert; den Praktikern wurde umgekehrt vorgeworfen, sich gegen neue Erkenntntnisse abzuschirmen . Offensichtlich erfordert der Forschung-Praxis-Dialog nicht nur in der Psychotherapie etwas Geduld und gegenseitigen Respekt, um mit der Zeit fruchtbar zu werden.

Positives Ergebnis der Provokationen ist immerhin ein lebhaftes Interesse an Therapieforschung allenthalben. Das Interesse für alternative Forschungsansätze, für qualitative Forschung, Prozeßforschung, tiefenhermeneutische Forschungsansätze, Computersimulationen ist gewachsen, und die Fachpresse ist voll davon.

Um durch zeitgemäße Methoden der Überprüfung eigenen Handelns - nicht im Sinne des Schulenvergleichs, sondern für viel weiter gefasste Fragestellungen - auf dem Niveau der Fachdiskussion bleiben zu können, kommt einer Übersetzung phänomenologischer Denkweisen in systematische Forschungsstrategien eine große Bedeutung zu. Ein vielbeachteter Ansatz ist das "events paradigm", das im Kapitel 6.4. vorgestellt wurde. Daneben halte ich einen methodologischen Pluralismus - also Einbeziehung quantifizierender Forschungsansätze - für angezeigt, wie er von vielen analytisch orientierten Autoren in den letzten 10 Jahren praktiziert wurde. Entsprechende Verfahren werden bei der Evaluation durch Katamnesen und Verlaufsdokumentation immer mehr zum Standard.

 

Es ist verfrüht, den Totengesang für die Therapieformen anzustimmen, wie es Grawe, Donati und Bernauer tun. Der Alleinvertretungsanspruch einer "Allgemeinen Psychotherapie" würde Praxisformen aus dem Kontext reissen und in eine Synthese bringen, die dadurch ihren Kern und ihre Wirkung verlieren würden. Die passende Metapher für die Integration der Psychotherapien lautet nicht "Schmelztiegel", sondern "Salatschale" . Eine Pluralität von Therapieformen und ihrer wechselseitigen Assimilation, ein reichhaltiges multikulturelles Feld mit Anfrage, Dialog und Kooperation ist im Interesse der Psychotherapeuten selbst, im Interesse der Klienten und der Weiterentwicklung der Gesellschaft.

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